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Nordkorea - Ausreise
und Nachwort

Am
nächsten Morgen, dem Mittwoch, dem 06. Oktober 2010,
nahmen wir noch einmal ein gutes Frühstück im Hotelrestaurant
ein. Da wir noch etwas Zeit hatten gingen wir in den großen und
umfangreich ausgestatteten Briefmarkenladen, gleich neben
dem Hotel. Es ist zu vermuten, daß ein normaler Koreaner sich
niemals hierher „verläuft“. Vermutlich erhält er nicht mal
Zutritt, und wenn doch, dann kann er sich die Europreise
nicht leisten. Wie auch immer, wenn die Koreaner was können,
dann ist es schöne Briefmarken zu entwerfen. Wirklich
ansprechende und schöne Briefmarkenserien. Nun schlagen
auch wir einmal zu, wir, die wir nie Souvenirs kaufen. (Was
sollten wir auch damit? Sie etwa 4 Jahre mit uns rumschleppen?
Da bräuchten wir einen Container.) Also deckt sich meine Tochter
mit Tierserien ein, besonders natürlich Pandabären, der
Filius mit Technik und Verkehrsmitteln, und wir, meine
Frau und ich, kaufen „politische“ Marken. Also Kim
Il-sun im Blumenfeld, koreanische Kämpfer, alles was den
Designern zur Verherrlichung des Landes so eingefallen
ist. Auch Postkarten kaufen wir, nicht zum Versenden, nein,
zur Erinnerung. Eines Tages, wenn es die DPRK nicht mehr
gibt, dann sind sie eine gute Erinnerung. Ich hoffe nur, daß
die folgenden Geschichtsfälscher und Bilderstürmer wenigsten
die Mosaiken an den Strassen stehen lassen.
Es sind so wundervolle Zeichen einer Epoche.

Briefmarken sind leicht und nehmen wenig Platz weg. So
eingedeckt fahren uns unsere Führer zum Bahnhof. Denn
klar, wir verlassen das Land, so, wie wir gekommen sind, per
Bahn. Die Gruppenschnelltouristen sitzen schon längst wieder im
Flugzeug. Wir haben 24 Stunden Fahrt vor uns. Wir
verabschieden uns vom Fahrer, unsere beiden reizenden Tourguides
aber warten bis der Zug rollt. Vorschrift. Sie sind
verantwortlich für uns. Vielleicht kommt ja doch einer auf die
Idee und möchte unangemeldet im Lande bleiben.
Nun
folgt eine angenehme Fahrt. Wir sitzen und lassen die
letzten Tage Revue passieren. Und jetzt, wo mein Tagebuch
geschrieben, so wie wir es erlebt haben und so formuliert,
daß wir unseren Tourguides nicht schaden, also etwas auf
das „lokale Sprech“, also die koreanische Sprachregelung
eingehend, wiederhole ich noch einmal den Satz aus dem Vorwort:
Die Reise war super, von hoher
Ereignisdichte, enorm beeindruckend, kontrastreich und sie gibt
einem Nachdenkstoff für Wochen. Somit war unsere Reise in der
Reise jeden Cent wert.

Als
wir an die Grenze kommen, dauert es wieder Stunden, bis
alle Reisenden und ihr Gepäck kontrolliert wurde. Diesmal
allerdings schaut man sich auch die Kameras genauer an.
Nach einer ersten Gepäckkontrolle kommt eine spezielle
Kamerakontrolle, eine Grenzbeamtin mit ausreichenden
Englischkenntnissen setzt sich neben mich und fordert mich auf
alle Bilder durchzuscrollen. Das mache ich, erst mit der
ersten Kamera, dann mit der Zweiten. Sie schaut genau. Im
Prinzip interessieren sie, da wir zum Fotografieren
militärischer Anlagen ja ohnehin keine Gelegenheit (und
auch kein Interesse) haben, nur ob wir Menschen „ungünstig“
in Arbeitskleidung oder Arbeitsposen fotografiert haben.
Man hat da schlechte Erfahrungen gemacht. Da findet sie
denn genau 2 Bilder, die ich auch bereitwillig lösche.
Man weiß noch wenig von Digitaltechnik und so rette ich,
bis auf diese 2 Bilder, die ich aber in ähnlicher Form
noch mal habe, alle meine 4170 Fotos. Die habe ich nicht
gemacht um der DPRK zu schaden, sondern um Erinnerungen
zu haben. Schließlich gehören zu einem Land auch arme Leute
und in Ägypten oder Jordanien sah es wesentlich schlimmer aus,
ohne daß es Fotografierprobleme gäbe. Man kann das auch
Lokalkolorit nennen.
Dann sind wir aus der DPRK raus und fahren gen Peking. Eine
lehrreiche Reise, in der Reise, geht zu Ende.

Doch, es gilt jetzt zu unserer eigenen Sprachregelung
zurückzufinden. Alle diejenigen, die von mir erwartet haben, daß
ich mich mit den Tourguides anlege, sie von unserem
System überzeugen will, mußte ich enttäuschen. Alle, die
dachten, ich schreibe einen Horrorbericht über die DPRK
ebenfalls. Es ist nicht unsere Intention um die Welt zu
reisen und andere Menschen am deutschen Wesen genesen zu
lassen. Wir sind keine Weltverbesserer, jedenfalls nicht
außerhalb Deutschlands. Ich nehme die DPRK so wie sie ist.
Sie ist nicht mein Land, es nicht mein politisches
System. Meine Frau ist froh, daß es in Rußland ein solches
System nicht mehr gibt, wohl wissend, daß noch vieles
unvollkommen ist.
Ich selbst wiederhole mich: Meine, bzw, unsere totale
Ablehnung des Kommunismus, aller Formen von Sozialismus ist
hinreichend bekannt. Wir entziehen uns jeder kollektivistischen
Umarmung und hassen die Linken und ihre weichgespülten
sozialdemokratischen Vettern und ihre grünen Cousins. Wir
gestalten unser Leben seit jeher autark, sind bis in die
Haarwurzeln individualisiert und lehnen jede Führung, jede
Fürsorge und jede Bemutterung ab.

All
das, was wir hassen, aus tiefstem Herzen hassen, war in
Nordkorea. Der Staat hält seine Bürger in Unfreiheit, er
nutzt seine Ressourcen nicht, er hat eine verbohrte
Führung, die lieber ihre Bevölkerung verhungern läßt,
als politischen Doktrinen abzuschwören. Man biegt sich die
Geschichte zurecht und verhindert, daß die Bevölkerung sich
ungehindert informieren kann. Man betet Kim Il-sun
an, ersatzreligiös, und es gibt wohl auf der Welt
keinen vergleichbaren Personenkult. Und so weiter, und so
weiter...alles bekannt. Wenn Sie das noch mal episch
breit ausgewalzt konsumieren möchten, schauen Sie in
unsere Massenmedien, den SPIEGEL und andere Organe. Denen
ist das Lügen ebenfalls inhärent, jedenfalls nutzen sie
die Freiräume nicht, die unser System einräumt. Überwiegend
schreibt man voneinander ab. Gegenläufige Ansichten
werden auch bei uns hinweggefegt. Der
Fall Sarrazin ist ja noch in guter Erinnerung.

Also: Wenn ich mich über die DPRK erregen soll, dann muß ich
mich über alle Unrechtssysteme erregen. Tue ich ja auch,
besonders dann, wenn man uns diese Systeme noch als
nachahmenswert und vorbildlich verkaufen will, wie das
die Linken z. B. mit Kuba und Venezuela tun, und deren
„begnadeten“ (sozialistischen) Führern Castro und Chavez.
Und wenn mir ein Che Guevara T-Shirt entgegenkommt halte
ich den Träger für einen unterbelichteten Blödmann. Hier
in China verehrt man Mao, nicht wissend, oder
verdrängend, daß er Millionen auf dem Gewissen hat. Den
neuen Friedensnobelpreisträger kennt hier niemand, er
interessiert nicht die Bohne. Glauben Sie die 1,5 Milliarden
hätte schon mal seinen Namen gehört? Ausser einigen
Intellektruellen und Studenten doch niemand. So what?
Ich brauche meine Gesundheit, will keinen Ulkus bekommen
und kann das Leid der Welt nicht ändern. Und dennoch bekomme ich
bald ein Magengeschwür. Weil ich an mein eigenes Land denke.
Da regt es mich wirklich auf. Da könnt ich kotzen!
Deshalb zurück in den Zug. Wir machen uns mit den Nachbarn
aus anderen Abteilen bekannt: Eine Holländerin, die seit
Jahren in China lebt und für eine Telefonfirma arbeitet. Sie
spricht 7 Sprachen. Dann ein junges Ehepaar, ganz
reizende Leute, er Attaché eines westlichen Landes, sie
arbeitet bei einer internationalen Spedition. Mit der
Niederländerin stellen wir gemeinsam fest, daß Deutsche die
in Deutschland leben, völlig unempfänglich sind für andere
Gedankengänge. Von einigen Wenigen, Menschen die gelernt haben
ausgetretene gedankliche Pfade zu verlassen mal
abgesehen. Das aber Menschen, die im Ausland leben und
nach Deutschland oder die Niederlande oder Europa hineinsehen
ganz andere Positionen haben. Wesentlich souveräner sind.
Sich dem Zeitgeist entziehen können und kritischer auf ihre
Regierungen und die Entwicklungen blicken.

Und
nun kommt, nach dieser schönen Reise, doch noch: Der absolute
Frust. Im Nebenabteil ist auch ein Professor für
Molekularbiologie vom Max-Planck-Institut in München. Ein
sehr netter Mann, mit dem wir, weil er gleich nebenan „wohnt“
und oft auf dem Gang steht, viel plauschen. Wir stellen
fest, daß wir die gleiche Schule besucht haben, die
Rehberge-Grundschule in Berlin Wedding, und, ich staune,
sogar die gleiche Klassenlehrerin hatten, Frau Bierfreund.
Aber er ist 5 Jahre jünger, also kam er an die Schule als ich
sie schon verlassen hatte. Und so ein Treffen in diesem Teil der
Welt.Schließlich laden wir ihn zu der Flasche Ginsengschnaps
ein, die wir uns als Wegzehrung mitgenomen haben. Er
kommt also in unser Abteil, wir reden zunächst über die
DPRK und dann über Deutschland. Jetzt fängt der Frust an, wir
haben e inen Bilderbuchlinken im Abteil. Sehr lehrreich.
Alexander, mein Sohn, hat Ohren, so groß wie Salatschüsseln.
Er schweigt und hört:
Das
mit Sarrazin war richtig. Auch der Umgang mit ihm. Daran
ist nichts auszusetzen. Ich wende ein, dann bräuchte man
künftig nur noch Klappentexte lesen. Er bleibt dabei. Solche
Thesen darf man nicht veröffentlichen. Aha! Wie hatte der
Mann doch gesagt: „Ich bin für Pluralismus!“ Dann kommen
wir auf die Sozialsysteme zu sprechen: Die sind gut, ja, und die
Leute haben einen Anspruch darauf. Mein Einwand, daß wir
damit Abhängige züchten gilt ihm nichts. Aber er ist
begeistert für Multikulti. Er kann doch in sein
türkisches Restaurant am Münchner Bahnhof gehen und
türkisch essen und Wasserpfeife rauchen. Das, so
argumentieren wir, könne er auch ohne den ganzen
Multikultiwahn. Restaurants anderer Nationen gab es schon
immer. Aber es geht weiter. Israel nennt er ein
Apartheidsystem, und da ICH ihn eingeladen hatte schlucke
ich das, hätte er mich eingeladen wäre ich aufgestanden und
gegangen. Und so geht es weiter. Bei der Wahl Obamas habe er
die ganze Nacht nicht geschlafen, der Nobelpreis ist
verdient.

Es
ist lange her, daß ich so einen Linken direkt vor mit
hatte. Der typische deutsche Intellektuelle: Nett,
freundlich, intelligent, fachlich wahrscheinlich kompetent, aber
politisch instinktlos und total dusslig. Tragisch! Als er
gegangen ist, macht mein Sohn den Mund auf: „Ihr seid wie
Feuer und Wasser“, sagt er. „Unvereinbar!“ Für ihn war das
unwahrscheinlich interessant. Denn er hat, weil außerhalb
Deutschlands lebt, in Israel war, politisch interessiert ist,
auch Vergleichsmöglichkeiten.
Ich
dagegen komme in dieser Nacht vor Ärger nicht zur Ruhe.
Nicht über die DPRK und ihre paranoiden Führer, sondern über
diesen linken Professor, der so typisch ist, für das, was in
unserem, äh, in meinem Land abgeht. Am nächsten Morgen
frage ich ihn, ob man mit meiner Einstellung in
Deutschland Professor werden könne. „Wahrscheinlich nicht“,
meint er, „vielleicht in Molekularbiologie, aber auf keinen
Fall in Politik- und Sozialwissenschaften!“
Pluralismus in D-schland.

Gegen 9 Uhr trudeln wir in Peking ein. Und schon
verlieren wir uns, wie alle anderen Reisenden in der
unübersehbaren Menschenmenge. Wir sind alle nur Sandkörner,
jedenfalls in der Masse. Es bleibt dem Einzelnen überlassen
was er aus sich macht. Wenn er die Chance dazu hat. In
Nordkorea hat er sie, so unser Eindruck nicht, nicht immer.


Da
wir nun wieder in China sind werden wir in den nächsten
Beiträgen von hier aus wieder ausführlicher berichten. Wenn wir
Zeit haben generieren wir auch diverse Slideshows, sowohl zur
DPRK als auch zu China. Doch täglich kommen 200-500 Aufnahmen
hinzu. Das muß man bewältigen. Hier in Peking wird es jetzt
nachts kühler, der Herbst zieht ein.
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Fotos: Copyright Rebellog 2010 / 1: Der große Führer, 2:
Landszene, 3: Arbeitsszene, 4: Kleinstadtszene, 5: koreanische
Frau, Mutter, Arbeiterin, als Plakat, 6: koreanische Frau,
Mutter, Arbeiterin, auf dem Felde, 7: Moderne Brücke in der
Hauptstadt, 8: Strassenszene in der Haupstadt, 9:
Vorzeigefassade in der Haupstadt, 10: Childrens Schoolpalace,
11: Ein wirklich rares Foto – Schappschuss der Vorbereitungen
zum Parteitag am 10. Oktober
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Nordkorea (DPRK) -
Ein Reisetagebuch
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