| |
Shalom Israel 3
Saturday, 10 October 2009
Inzwischen haben wir uns
eingelebt. Wir machen es wie
üblich, d.h., wir nennen es das
Zirkelverfahren. Wir beginnen mit kleinen
Kreisen der Erkundung, die, immer größer werdend erlauben
immer fernere Ziele anzusteuern. So lernen wir,
aus der Mitte heraus, jeweils das
ganze Land kennen. Heute haben wir uns, in einer geführten
Tour, der Architektur der speziellen Variante
des israelischen Bauhauses genähert. Die
ersten aus Jaffa ausgezogenen jüdischen Siedler kamen etwa
um 1906. Sie etablierten einen Baustil, den man
Eklektik nennt. Nach den etwa 400 000
Polen, die in den zwanziger Jahren kamen, wanderten Anfang
der dreißiger Jahre die „Jackies“, die
Deutschen also, die ihre Jacketts nie
ablegten, ein. Unter ihnen waren viele Intellektuelle, die
Nazideutschland den Rücken kehrten.
Den
Nazis war auch das Bauhaus ein Dorn im Auge,
denn es war mit den Vorstellungen
faschistischer Größenwahnsinnsarchitektur
nicht kompatibel. So kamen auch viele, vom Bauhaus und
Walter Gropius inspirierte junge
Architekten nach Tel Aviv, einer
am Reisbrett geplanten Stadt. Sie steht damit völlig im
Gegensatz zu einer Stadt wie Jerusalem.
Natürlich baute man schnell und mit nicht sehr guter
Qualität. Deshalb sind heute viele Bauten sehr
heruntergekommen oder verfallen. Seit aber dieser Teil Tel
Avivs zum Weltkulturerbe erklärt
wurde, beginnt eine sorgsame Restauration. Dabei ist es
der Stadt wichtig, dass die Fassaden erhalten
und im Original wieder hergestellt werden. Der
Deal mit den Investoren ist, dass sie das dahinterliegende
Gebäude nach kommerziellen Gesichtpunkten
zeitgemäß gestalten können, um so qualitativ besseren und
mehr Wohnraum oder Nutzfläche zu schaffen. Im Prinzip
keine schlechte Lösung, nur bei einigen Versicherungen und
Großbanken erscheint mit das Geschäft doch zu sehr zu
Gunsten der neuen Eigentümer zu laufen. Eine kleine Villa
zu renovieren um dahinter einen alles
erschlagenden 100m hohen Glaskasten zu
stellen, ist nicht das, was ich mir unter
behutsamer Stadterneuerung vorstelle.

Der hiesige Bauhausstil
hat seine eigene Variante
entwickelt. So sind viele Balkons, oder Gebäudeteile
abgerundet, ja erinnern an
Kommandobrücken eines einlaufenden Dampfers. Man wollte
auch zeigen, dass man im Lande angekommen
ist. Auch das Haus in dem wir wohnen ist aus dieser Zeit,
der Balkon ist ebenfalls rund, leider zur Hälfte mit der
Klimaanlage vollgestellt. Manchmal aber
unterhalten wir uns mit unserem Nachbarn, dem
die lineare Fortsetzung unseres Balkons
gehört. Die Immobilienpreise sind exorbitant. Auf dem
Rothschildboulevard kostet denn auch
ein Quadratmeter bis zu 13000 Dollar.
Ich werde die gemachten
Aufnahmen, wie üblich, später, wenn unsere Webseite wieder
richtig funktioniert, als Slideshow
einstellen und darauf verlinken.
Heute Abend wollen wir
ins Konzert. Es ist Saisoneröffnung und Zubin
Metha dirigiert im Mann-Auditorium
die Brahms Gala. Eine Karte soll 1400 Schekel
kosten, das sind 280 Euro. Mal sehen ob es vielleicht
Sonderkarten gibt. Wenn nicht, das
Konzert wird am 16. wiederholt.
Die naive europäische
Vorstellung, dass das Leben im Land der Juden anders tickt
wirft man schnell über Bord. Wir
sehen, bisher, keine Unterschiede. Jedenfalls nicht im
Straßenbild. Wir sehen klug aussehende Einwohner und
distinguierte ältere Damen. Händler, und Geschäftsleute,
Frauen mit Kindern, viele Strassenfeger und
enorm viele Menschen die die Cafés und
Restaurants füllen. Es gibt hier genauso viel Penner und
Besoffene wie in Budapest oder sonst wo, wo wir bisher
waren. Aus den Synagogen erschallt Gesang, nicht anders
als wenn bei uns die Gemeinden im Gottesdienst singen. Das
großstädtische Israel jedenfalls, in seiner
überwiegend säkularen Lebensgestaltung ist wie
das Leben in Berlin, New York, London, oder Rom. Nur ist
es wärmer. Und, was und besonders positiv auffällt: Viele,
sehr viele Menschen sprechen mehrere Sprachen.
Auch am Sabbat sind kleine
Geschäfte auf, man verhungert nicht, und immer
noch zahlreiche Restaurants und Cafés.
Am Dizengoff-Center arbeiten auch die Bankautomaten und
spucken Geld aus. Bei kleineren Banken und welchen die
nicht im Zentrum liegen, machen offensichtlich auch die
Bankautomaten Pause und verweigern jede
Tätigkeit.
Ach übrigens: Die
Berliner jüdische Gemeinde hatte mal einen Kantor namens
Estrongo
Nachama.
Dessen klare und wirklich beeindruckende Stimme werde ich
nie vergessen. In den bereits am Freitag beginnenden
Sabbatfeiern, die regelmäßig vom Rundfunk übertragen
wurden, sang er, ich vermute hebräisch. Ich verstand
natürlich kein Wort. Aber Gesang dieser Art, mit so einer
Stimme, noch mal zu erleben werde ich hier in
Israel versuchen.

Abends dann schaut man
nach Deutschland. Nein, nicht via
TV. Via Internet, unserer bevorzugten Informationsquelle.
Schaut man von außen auf dieses merkwürdige
Land zwischen Nordsee und Alpen, zwischen Saar
und Neiße, kommt man aus dem Staunen nicht raus. Ist es
das Deutschland in dem ich, mit vielen Unterbrechungen
zwar, aber doch, wenn man die Kindheit mal abrechnet, 35
Jahre meines (politisch) bewussten Lebens verbrachte?
In diesem Irrenhaus? Hier spinnen
offensichtlich viele, mehr als früher (früher…ich meine
als ich jünger war…). Hier spinnen auch viele Juden. (Felicia
Langer, sie erinnern sich…) Vielleicht macht
es ja das Leben auf deutschem Boden, das hin- und wieder
einige einen Knall bekommen. (Deutscze
wie Juden) Jüngstes Beispiel Stefan Kramer.
Generalsekretär. Er stellt Thilo Sarrazin
in eine Reihe mit Goebbels und Hitler.
Ob Sarrazins faktisch richtiger Äußerungen zum Problem der
Integration. Ist es das, was sich Kramer und der
ZdJ unter einer fortgeschrittenen
Diskussionskultur vorstellen? Dass nun alle Äußerungen und
Veröffentlichungen anstelle der
Reichsschriftumskammer dem Zentralrat der Juden
vorgelegt werden müssen? Der Mann tickt echt nicht
richtig. Für mich bleibt die Frage, wie viele der in
Deutschland lebenden Juden sich eigentlich vom
ZdJ angemessen vertreten fühlen. Mit großer
Fresse und unsympathischen Gebaren stellt er sich in die
Reihe anderer Generalsekretäre und Lobbyisten die
ihren Organisationen einen Bärendienst
erwiesen haben.
Von all diesem Zirkus
bekommt man hier nichts mit. Ob es in den Zeitungen
erörtert wird kann ich nicht sagen. Ich kann
sie nicht lesen.
Israel 2009 - Part 1
Rebellog
Slides -click-
Israel 2009 - Part 2
Rebellog
Slides -click-
Yad Vashem
Rebellog
Slides -click-
|
|