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Nordkorea
- Tag 3 - Part 1

(Sonntag, der 03.10.2010) Der nächste
Morgen sieht uns „fein“ gekleidet. Doch was heißt auf
einer Weltreise fein. Meinen Anzug habe ich längst im
Kofferraum unseres untergestellten Autos in Deutschland
gelassen. Meine Frau hat natürlich auch kein Abendkleid
im Koffer. Aber wir hatten uns noch in Peking Krawatten
gekauft und meine Frau versteht es ohnehin, sich mit wenigen
Handgriffen ansehnlicher zu machen. Denn manierlich aussehen ist
bei dem nächsten Besuchspunkt Pflicht. Wie auch der ganze
Besuch Pflicht ist, drücken geht hier nicht. Wir besuchen
den
Kumsusan Memorial Palace,
also das Kim Il-sung Mausoleum. Was jetzt folgt ist so
einmalig, so speziell, daß jedes sprachliche Superlativ
unzureichend ist es zu beschreiben. Da der Zugang erst ab 17
gewährt wird, machen unsere Kinder mit einem unserer Führer
einen Besuch im Zoo. Man hätte für den Filius eine Ausnahme
gemacht, aber er will seine kleine Schwester nicht allein
lassen.
Wir
also reihen uns ein in die Besucherströme. Kameras abgeben,
alles was metallisch ist, nach ausdrücklicher Erklärung darf ich
wenigstens meine zweite Brille mitnehmen. Nun geht es
hinein in die Vorhallen des Heiligtums. Wir werden genauestens
gescheckt, dann laufen wir über elektrische Bürsten, die
unsere Schuhe von unten reinigen. An jeder Biegung, an jeder
Ecke stehen Sicherheitskräfte. Nun geht es auf
Rolltreppen hinauf, dann auf endlosen, wirklich endlosen
Laufbändern, wie wie sie vom Frankfurter Flughafen
kennen, werden wir dem Hauptgebäude entgegentransportiert. Doch
die Länge der Bänder im Frankfurter Flughafen ist gegen
diese hier kurz. Hier darf man auch nicht laufen, so wie wir
aufs Band treten, so bleiben wir stehen, bis wir, nach langer,
langer Zeit erneut mit Rolltreppen nach oben und wieder auf
Laufbändern weiter befördert werden.
Sowas beeindruckt, wenn schon mich als Großstädter und
Weltreisenden, dann umso mehr unerfahrene und einfache
Menschen, vom Lande vielleicht, aus der Provinz. Denn eines ist
klar, dieser Aufwand hat vorallem eine Wirkung nach innen,
auf die Bevölkerung der DPRK. Es ist ja selbstverständlich, daß
man sich einem Toten respektvoll nähert, niemand auch hat
die Absicht Kim Il-sung zu klauen, schon die Idee wäre
absurd. Also würden auch weniger Sicherheitskräfte reichen.
Doch hier geht es nicht allein um Sicherheit, nicht nur. Hier
wird demonstriert, das Kim Il-sung’s Leichnahm, das
Heiligste ist, was diese Nation zu bieten hat. Deshalb
werden wir sogar geröngt, diskret natürlich, im
Vorbeimarsch nach einer Rolltreppe.
In
gefestigter Stimmung und in angemessenem Ernst schreiten
wir nun durch marmorne Hallen und Treppenhäuser, fast niemand
redet, allenfalls ein leises Flüstern ist gelegentlich zu hören.
Wir nähern uns dem Heiligtum, große Flügeltüren, dann sind wir
in der Vorhalle des zum Mausoleum umgebauten Palastes.
Hier steht er, Kim Il-sung, diesmal in Marmor, aber hier
müssen wir uns nicht vebeugen. Dann geben uns seriöse Herren
kleine MP3-Player, für jeden Besucher in der gewünschten
Sprache und wir betreten einen weiteren großen Raum mit
Reliefs an den Seitenwänden und seinem lächelnden
Portrait auf roter steinerner Flagge an der Stirnwand. Ich
schalte den Player ein und er erklärt die Reliefs. Ich bin von
dem Text so fasziniert, daß ich kurzzeitig überlege
den ganzen Player zu klauen, den Text möchte ich haben.
Doch der Gedanke ist aussichtslos. Also werde ich versuchen,
aus der Erinnerung Sequenzen wiederzugeben:
„Es traf unser Volk tief im Herzen, als unser geliebter
Führer starb. Die Menschen wanden sich zehn tagelang vor Schmerz
und vergossen Ströme von Tränen, die sich augenblicklich zu dem
roten Granit verfestigten und zu der roten Fahne dieses Raumes
wurden. Jeder Einzelne, ob Arbeiter, Bauer, Kind oder Rentner,
ob Künstler oder Wissenschaftler, hier in unserem Lande, ja in
der ganzen Welt, spürte diesen ungeheuren Verlust und war
untröstlich. Doch er, Kim Il-sung, unser über alles geliebte
Führer, wird in unseren Herzen weiterleben, wird uns mit seinen
wegweisenden Büchern, Ideen und Anregungen helfen in eine
hoffnungsvolle und strahlende Zukunft zu treten. Er wird uns
nicht verlassen sondern als ewiger Präsident auch ewig
begleiten.“
Also, natürlich habe ich mir das jetzt, 2 Wochen später, aus den
Fingern gesaugt, natürlich kann das in anderer Reihenfolge
gewesen sein. Aber im Prinzip waren das genau die Worte
die ich etwa 3-4 Minuten aus dem Player hörte, während ich/wir
von Relief zu Relief liefen und die herzergreifenden
Szenen zusammenbrechender, untröstlicher Frauen, Kinder und
Männer bestaunten.

Dann
gaben wir die Player zurück, diszipiniert gingen wir im
Gänsemarsch durch eine Luftschleuse. Deren Sinn war mir
nicht ganz klar, wir wurden von vielen Düsen so
durchgepustet, auf der einen Seite, und abgesaugt auf der
anderen Seite, daß ich froh war keine Fönfrisur, sondern nur
eine Halbglatze zu haben. Wahrscheinlich wollte man uns vom
Keime befreien, wir sollten es nicht bereuen, denn nun
betraten wir das Heiligtum selbst: Ein hoher Raum, in
rotes Licht getaucht, wie in einem Fotolabor meiner Jugend. In
der Mitte der Glassarkophag, an den Ecken des Raumes
Soldaten, wir treten ein und gehen auf das Fußende zu. Hier
verbeugen wir uns gemessen, nur wir und unser Führer. Die
anderen Gruppen sind vor und hinter uns, viele Besucher. Dieses
Verbeugen als exklusive 3 Personengruppe wiederholen wir
dann erst an der rechten Seite, an der Kopfseite nicht,
und dann an der linken Seite. Ich schaue mir Kim
Il-sung an. Er sieht so klein aus, so klein. Aber das
mag davon kommen, daß ich ihn bisher nur auf riesigen
Wandbildern sah, oder als gigantische Bronze- oder
Marmorfigur. Hier, in seiner wahren, menschlichen Größe,
wird er, so aus meiner abendländischen Sicht, durch die ewigen
Besucherströme um seine verdiente Totenruhe gebracht.
Aber das ist natürlich egoistisch gedacht, ein Führer,
der für sein Volk da ist, ist auch nach dem Tode präsent.
Gemessenen Schrittes verlassen wir den Toten und gehen in einen
weiteren großen Raum. Hier sind sämtliche Orden, Ehrendoktor,
Diplome und Titel ausgestellt die man ihm verliehen hat.
Über 200 sind es. Über den Vitrinen, an den Wänden, große Fotos
von den Führern und Ordensverleihenden der Welt, Fidel Castro
ist mir besonders erinnerlich. Die Orden selbst aus bedeutenden
Ländern, Peru ist überdurchschnittlich
verleihungsfreundlich, zahlreiche Orden, Ehrendoktor und Titel
allein aus diesem Land. Die Vitrinen sind gefüllt mit
Doktorhüten und Ehrenmänteln. Besonders, bzw. überwiegend stark
sind die Länder der 3. Welt vertreten und natürlich
alle kommunistischen Bruderländer. Es ist eine prachtvolle
Ausstellung, nie zuvor sah ich so viele glänzende und
schimmernde Orden. Ja, man kann hier sehen, wie Kim Il-sung
von aller Welt geschätzt wurde. Auch
Generalissimus war er.

Man
hat nicht die Zeit alles zu lesen, alles anzuschauen, denn es
geht zurück, den langen, langen Weg, den man nicht laufen
muß, was ich sehr zu schätzen weiß. Aber diesmal bewegen wir
uns auf gegenläufigen Bändern, uns entgegen kommen Gruppen um
Gruppen mit koreanischen Arbeitern und Arbeiterinnen,
feingemacht, im Sonntagsstaat, die Frauen in ihren
traditionellen Kleidern. Ich schaue mir jedes einzelne
Gesicht dieser Menschen an, Hunderte sind es, man sieht
wie hart sie arbeiten für den Wohlstand dieses Landes, wie
sie kämpfen um den Alltag erfogreich zu gestalten. Ihre
Physiognomie verrät es. Und, da ich mich immer besonders für
Frauen interessiere, versuche ich eine Schöne
auszumachen. Doch das ist schwer, sie sehen nicht so schön
aus wie unsere Serviererinnen, unsere Führerinnen oder die
hilfreichen Mädchen im Hotel. Dann kommen Gruppen von
Soldaten, sie, wie die Anderen vorher, versuchen nicht zu
auffällig zu schauen, und doch, wir sehen wie sie verstohlen
nach den Ausländern gucken, sekundenlang nur, wir sind aus
einer anderen Welt. Schließlich, wieder im Freien. Wir machen
noch Aufnahmen von außen, auf dem großen Vorplatz
verlieren sich selbst die paar Gruppen. Aber ein Foto vom
Mausoleum muß man haben.
Dann steigen wir in unseren Minibus, noch
ganz unter dem Einbdruck des Erlebten, ich öffne meine
Krawatte und wir fahren zum Zoo um die Kinder und
unseren zweiten Führer abzuholen. Gleich um die Ecke ist der
Heldenfriedhof, Revolutionary Martyrs’ Cemetery, und wir
schauen uns die gefallenen und als Bronzebüsten
aufgestellten Helden an. Auch
Kim Jong-suk,
seine, Kim Il-Sung’s Frau, ebenfalls eine Partisanenkämpferin
und sein Bruder stehen hier. An den Todestagen der
einzelnen Helden legen staatliche Organisationen Kränze
und Blumen vor die Büsten. Oben, auf dem Hügel eine gigantische
Flagge aus rotem Stein. Doch die Helden werden weniger, sie
sterben, eine ganze Reihe aber ist noch Platz und kann
gefüllt werden.
Von
hier oben gibt es eine gute Aussicht und ich fotografiere
die Stadt. Dann geht es zurück zum Hotel, essen, Kräfte sammeln,
denn am Nachmittag geht es zum nächsten obligatorischen
Ziel:
Der „Pueblo“!

P.S. Die Kinder hatten in der Zeit, als wir im Mausoleum
waren ihren Spaß, allerdings war der Pandabär gerade
gestorben. Ob, und wann ein neuer Pandagenosse kommt konnte
man nicht sagen. Schade!
Hier in Peking haben wir heute
den Olympiapark besichtigt. Wenn ich für jeden Schritt auf
diesem Riesengelände einen Euro bekommen hätte, wäre ich etwas
wohlhabender geworden. Aber niemand zahlt...Die Chinesen aber
wollen für den Besuch des Stadions 6 Euro haben, ziemlich saftig
für ein leeres Stadion. Man muß auch verzichten können. Manchmal
kann ich --- aus Prinzip.
Fotos: Copyright Rebellog 2010 / Foto 1: Kim
Il-sung Mausoleum, Fotos 2,3,4: auf dem Revolutionary Martyrs’
Cemetery (Heldenfriedhof)
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Nordkorea (DPRK) -
Ein Reisetagebuch
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