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Schluss mit dem
Eliten-Bashing!
Richard Wagner
Deutsche Debatten fangen nicht nur mit dem Alphabet an, sie
bleiben auch gerne beim Alphabet. So auch die gestrige Sendung
aus der Anne-Will-Serie. Elite am Pranger oder so ähnlich. Es
ging mal wieder wortreich um die Chancengleichheit, an der es
angeblich fehlen würde. „Chancengleichheit“ erweist sich immer
öfter als eine politisch korrekte Worthülse, die, um im Jargon
der Redaktionen zu bleiben, den Zuschauer abholen soll. Dieses
Abholen aber ist im Grunde nichts als der Ausdruck des
Superopportunismus unserer Zeit, nämlich des Kniefalls vor der
Masse.
Ich will mich aber gar nicht bei dieser Sendung und ihren
Protagonisten aufhalten sondern zur Sache kommen, zur Elite. Ein
Begriff, der in Deutschland geradezu physisches Unbehagen
hervorzurufen scheint. Warum eigentlich?
Bei dieser Frage lehnt sich der intellektuelle Hassprediger
gewöhnlich in seinem bequemen Sessel zurück und hält uns einen
längeren Vortrag über das historische Versagen der Eliten,
speziell was den Nationalsozialismus betrifft. Als hätte es in
der Weimarer Republik nicht das allgemeine Wahlrecht gegeben.
Als wäre es den zahlreichen Schichten der Guten der Republik
nicht möglich gewesen gegen das martialisch auftretende
Verbrechen in spe zu votieren.
Aber lassen wir das, schließlich geht es um die Gegenwart und
nicht um virtuelle Geschichtsschreibung. Was wird den Eliten
eigentlich vorgeworfen, außer Gier und Abschottung? Der Habitus
von Eliten ist immer auch Ausdruck des Gesamthorizonts einer
Gesellschaft. Ihre Werte sind die Werte der Gesamtgesellschaft.
Die Aufgabe der Elite wäre es, so gesehen, die Werte dieser
Gesellschaft offensiv zu propagieren.
Wo es mit den Eliten schlecht aussieht, sieht es auch mit der
Gesamtgesellschaft nicht besser aus. Wieso nennen wir das
Verhalten des von seiner Gewerkschaft in den Streik begleiteten
Bahnangestellten nicht als gierig? Nagt er etwa am Hungertuch?
Und was bitte hat er vor mit dem Geld, das er durch den Streik
zusätzlich erpressen möchte? Einen neuen Fernseher, den nächsten
Billigflug nach Teneriffa?
Nicht die Existenz von Eliten ist das Problem sondern der Zugang
zu ihnen. Das Zugangsrecht kann sich aber nur auf die
Qualifikation berufen, nicht auf eine Ideologie der sozialen
Gerechtigkeit. Kein Segelclub nimmt jemanden aufgrund der
Deklaration der Menschenrechte auf. In unserer Öffentlichkeit
aber haben mittlerweile alle, die vom Segeln nichts verstehen,
mildernde Umstände. Etikettierungen wie „bildungsferne
Schichten“ oder „sozial Schwache“ sind gleichsam homöopathische
Diagnosen der Misere. Georg Picht konnte 1964 noch offen von der
„Bildungskatastrophe“ sprechen.
Wenn aber jedermann meint in den Club zu gehören, muss man auch
die schlichte Frage stellen, ob jeder selbstbewusste Egoträger
auch wirklich zur Führungsposition taugt? Das hieße doch, man
glaubt an Lenins Bonmot von der Köchin, die den Staat lenken
könnte. Dabei war nicht einmal Regine Hildebrandt dazu in der
Lage.
Der Glücksfall besteht eben darin, dass die Menschen nicht
gleich sind, erst aus dem Unterschied ergibt sich die
Produktivität. Bildung ist nicht das Auffüllen eines anonymen
Gefäßes, sie verschafft dem Einzelnen nicht mehr und nicht
weniger als die Möglichkeit der Option für das, was seine
Fähigkeiten ihm zugestehen.
Die Chancengleichheit als soziale Frage zu betrachten, heißt
Begabung und Talent zu ignorieren. Ein Schulsystem für alle
garantiert zwar die Grundausbildung fördert aber auch die
Durchschnittlichkeit, den Mainstream, und blockiert die
Kreativität. Das Meiste an Kreativität wird durch die Diktatur
dieses Mainstreams verhindert. Das Fatale besteht darin, dass
die Bildungspolitik der Ideologie des Mainstreams folgt. Wer
wagt es heute noch etwas gegen die Mehrheit zu sagen?
Eine Gesellschaft kann die Gefangene ihrer Ideologien sein oder
die Nutznießerin ihrer Werte. Will man das Letztere, muss man
sich zunächst einmal zu seinen Werten bekennen. Wem es nur ums
Geld geht, dessen Beitrag zum Gemeinwesen und zum allgemeinen
Wohlergehen ist gleich Null, egal ob in der Elite oder in der
Masse, egal ob prominent oder anonym. Es kommt jeweils auf den
Spielraum an, den der Einzelne in dem Augenblick hat, in dem er
seine Begabung zum Ausdruck bringen will.
Das aber geht nur bei einem verbindlichen Arbeitsethos der
Gesamtgesellschaft. Wer auf Umverteilung setzt und auf sonst
nichts, wer die Tugenden missachtet, wird nicht weit kommen. Er
wird zwar immer ein Alibi parat haben. Der Gang der Welt aber
fragt nicht nach dem Alibi sondern nach der Tat.
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