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Nein, ich habe sie noch nicht live gehört.
Sie war in Wien, ich war in Wien, es wäre die Chance gewesen. Aber die
Preise für die Eintrittskarten waren mir 1.) zu hoch und 2.) hatte ich
wenig Neigung einen Tag und eine Nacht in einer Schlange zu stehen, die
sich einmal fast um die Oper schlängelte. Kommt hinzu, dass mir ein Ticket
nicht reicht, ich brauche deren 4, denn warum sollte ich allein genießen
und Frau und Kinder außen vor lassen.
Als ich noch in die Grundschule ging, 6. Klasse, war
die
Callas in Berlin. Damals kostete eine Karte
250.- DM, das war 1955 ein ungeheurer Preis. Meine Eltern konnten
sich das nicht leisten. Oder wollten nicht. Ich war ziemlich sauer und
tyrannisierte meine Eltern zu Strafe mit dem Dauerhören der
Wahnsinnsarie. Später habe ich viele Diven unserer Welt
live gehört, ich konnte mir das leisten, vorzugsweise dann, wenn
ich gerade mal wieder geschieden war. Es ist eben ein
Unterschied ob man ein oder mehrere Tickets kauft.
Nun also
Anna Netrebko. In vielen Konservenaufzeichnungen
gefällt sie mir, nicht in allen. Sie scheint gute und
schlechte Tage zu haben, aber wer hat die nicht. Ich bin mir nicht ganz
klar wie die Vertragspolitik eines solchen Stars funktioniert. An deutlich
schwachen Tagen sollte ein Verweigern von Tonaufnahmen möglich sein. Klar
auch, sie ist ein Liebling der Massen, eine Tatsache die mich eigentlich
eher stört, mich normalerweise auf Distanz gehen lässt.
Man merkt dem Publikum in Potpurri-Fernsehshows an, dass es keine Ahnung
hat. Vielleicht ist es die hohe Gage, vielleicht der Druck der
Öffentlichkeit, die einen Star in solchen Arenen auftreten lässt.
Anna Netrebko jedoch scheint Spaß daran zu haben, kann man
das Spiel mit dem Publikum wirklich so planen und
einüben? Wie auch immer, sie beherrscht die Kunst Menschen für sich
einzunehmen perfekt. Dieser Charme ist es auch, dem ich mich, wie so
viele, nicht entziehen kann, der mich betört. Mit anderen Worten:
Agiert sie nicht süß? Attraktiv, auch figürlich, sie hat wirklich
Ausstrahlung. Wenn man dagegen die „Maschinen“ vergangener Zeiten sieht
kann man verstehen, dass Oper immer nur Minderheiten begeisterte. Den
Anfang als „erotischer Opernstar“ machte, meiner
Erinnerung nach,
Anna Moffo. Sie war die Erste die in
lasziven Posen auf Plattencovers und Magazinen posierte. Ich bin kein
Purist und schaue mir das gerne an. Aber es sollte uns nicht von der
„Stimme“ entfernen. Es ist gelegentlich, bei aller optischen Begeisterung,
besser die Augen zu schließen und sich dem Charisma der Stimme hinzugeben.
Die der Netrebko ist warm und reich, klar und präzise. Sie
bewältigt auch schwierige Partien problemlos. Ihr
Einfühlungsvermögen in die verschiedenen Rollen überzeugt absolut, man
kann wirklich spüren, wie sie sich, auch darstellerisch, den jeweiligen
Situationen anpasst und sie entsprechend auslebt. Das
schaffen so, nicht mal viele gute Schauspieler.
Dann der Film.
"La Boheme" im Kino von Regisseur
Robert Dornhelm. Die Presse nennt
die La Boheme-Verfilmung eine Schmachtoper, eine
Love-Story, eine Oper für tränen- und Taschentuchfreunde. Das mag sein, es
ist die typische Kritik unserer, auf hohem intellektuellem Ross sitzenden
und sich für überlegen haltenden, Kulturkritiker. Es sind
solche, die in anderen Momenten Schweinigeleien und Abartiges über den
„grünen Klee“ loben. Man denke nur an
Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ oder „Axolotl
Roadkill“ der Wortkleptomanin Helene Hegemann im
Literaturbereich. Begeistert sind solche Typen nur, wenn auf der
Bühne Blut, Sperma und Scheiße spritzt. So gesehen ist die
Dornhelm-Verfilmung eine erfrischend saubere und überzeugende
filmische Nacherzählung der Geschichte. Wunderbar geeignet auch
jungen Menschen in die Welt der Oper einzuführen.
Jedenfalls dann, wenn das Geld für Operntickets fehlt oder
zur nacharbeitenden Ergänzung.
Auch
Rolando Villazón überzeugt. Er verfügt ebenfalls über
eine charismatische Ausstrahlung, passt als Rodolfo
wunderbar zur Netrebko-Mimi. Sein sanguinischer Charakter
gibt dem Poeten Rudolfo eine ganz eigene Ausstrahlung und man kann sich
wundervoll in das Künstlerleben des ausgehenden 19. Jahrhunderts
hineinversetzen. Ganz ehrlich: Hätte ich eine Zeitmaschine
würde ich gerne mal in diese Zeit und das Umfeld der Bohemiens zurück.
Wer an der
Filmoper von
Dornhelm mit Anna Netrebko und Rolando Villazón als Gesamtaufnahme
interessiert ist: Hier ist sie. Hören und sehen sie sich den ganzen Film
an. Holen Sie Ihre Frau und Kinder und machen Sie ein wenig auf
„Musikpädagoge“ und bringen sie Ihren Lieben eine leicht zu verstehende
„Einstiegsoper“ nahe. Begeistern sie sich an den schönen Stimmen und
machen sie sich einen angenehmen Abend auf einer Seite von
Rebellog.
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